Festrede von Elisa Brökling

Es gilt das gesprochene Wort

Die Zeit Revue passieren lassen?

Ende der siebziger Jahre sind Frauen im Aufbruch, im Umbruch. Die Abtreibungsproblematik, der § 218, Gewalt an Frauen in Ehe und Familie, rechtliche Ungleichbehandlung, Diskriminierung im Beruf sind einige der Themen für die die Frauenbewegung eine Sprache findet und zu Recht oft zornig und wütend auf bestehende Ungleichbehandlung hinweist. Die gesellschaftliche Umwelt reagiert in der Regel beschimpfend, ausgrenzend auf die „Weiber, Feministinnen, Emanzen”.

Dennoch lassen Frauen sich nicht abhalten, alle Alltagsbereiche in Frage zu stellen.

Geprägt durch diese Aufbruchstimmung der Frauenbewegung treffen im Sommer 78 einige Frauen aufeinander und das sind wir - die späteren Gründerinnen der Frauenberatungsstelle. Im Rahmen des schon bestehenden Vereins Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen arbeiten wir zunächst eher theoretisch und wissenschaftlich zur Frage der spezifischen Ausprägung psychischer Erkrankungen bei Frauen. Die Beschäftigung mit dieser Problematik wirft Fragen an die Praxis auf und bewegt uns dazu, das in Köln bestehende Beratungsstellenangebot für Frauen näher zu beleuchten. Wir planen und führen eine Untersuchung durch, in der zahlreiche Beratungsstellen in Köln in persönlichen Interviews durch uns befragt werden.


Wir stellen fest:

- Frauen sind in der Mehrheit das Klientel der Beratungsstellen

- viele Einrichtungen wollen das spezifische an der Lebenssituation von Frauen nicht wahrhaben bzw. klammern es aufgrund ihres institutionellen Auftrages aus

- die Problematik der ratsuchenden Frau wird auf bestimmte Problemkreise eingegrenzt (z. B. Eheberatung, Erziehungsberatung, Drogen- und Suchtberatung

- inhaltlich werden die Frauenprobleme schnell unter die Kategorie „Probleme der Familie“ subsumiert und Beratungsziel ist - abgesehen vom Symptomabbau - häufig die Wiederherstellung der weiblichen Funktionstüchtigkeit für die familiäre Situation.

Unser Gedanke wird immer konkreter, eine Beratungsstelle für Frauen, „einen Ort für uns und andere Frauen zu schaffen, um gemeinsam Möglichkeiten für die Veränderung unserer Situation als Frau auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene zu entwickeln“.

Dieses Zitat aus einem frühen Text zeigt, wie stark die Anfänge geprägt sind durch den Selbsthilfegedanken: es geht nicht nur um die distanziert erlebte Klientin, es geht auch um uns - das Gemeinsame ist unsere Situation als Frau und das darin erlebte Leid, aber auch die Sehnsucht nach Ausbrechen aus der Enge weiblicher Rollendefinition und die Wut über vielfältig erfahrbare Barrieren und Blockaden.

1979 organisieren wir hier in Köln den 1. deutschsprachigen feministischen Therapiekongress, der bundesweit, aber auch aus Österreich und der Schweiz Frauen an einen Tisch bringt, um Theorie und Praxis in Psychologie, Medizin, Psychotherapie und Psychiatrie aus feministischer Sicht zu reflektieren. Dies gibt uns weitere Impulse, unser Konzept für eine Frauenberatungsstelle voranzutreiben. Um unserer Projektidee eine Form zu geben, gründen wir 1980 den Verein „Frauen lernen leben - Beratung, Bildung und Therapie für Frauen“, der als gemeinnütziger Trägerverein u.a. das Ziel der Errichtung einer Frauenberatungsstelle zum Zweck hat. Ein Ziel, das er nun über 20 Jahre kontinuierlich realisiert.


Unser Konzept sieht eine Beratungsstelle vor, in der drei Arbeitsschwerpunkte gegeben sein sollen. Beratung - Therapie - Bildung, die in engem Zusammenhang gesehen werden. Zunächst wird offene Beratung zu regelmäßigen Zeiten angeboten: hier geht es um Krisenintervention, praktische Lebenshilfe und Unterstützung bei Alltagsproblemen. Die therapeutische Arbeit in Einzel- und Gruppenform soll Heilung bei psychischer Erkrankung und gravierender Symptomausbildung unterstützen. Bildungsangebote für Frauen halten wir für notwendig im Sinne von Lerngruppen, die ihr Erkenntnisinteresse unmittelbar aus der Arbeit in Selbsterfahrungsgruppen beziehen. In der Selbsterfahrungsgruppe problematisieren Frauen Erfahrungen ihrer persönlichen Lebenssituation; in einem weiteren Schritt sollen diese individuellen Erfahrungen als Probleme von Frauen in unserer Gesellschaft thematisiert und verstanden werden. Unsere Grundauffassung damals „Das Persönliche ist politisch“ strebt in dieser Verbindung von Beratung, Therapie und Bildung nicht nur individuelle Veränderung an, sondern auch Bewusstwerdungsprozesse sowie politisches Denken und Handeln bei Frauen. Wir verstehen das „Leiden” von Frauen nicht nur als individuelle Regression, als Rückzug in Krankheit und Passivität, als Defizit, sondern auch als Form des Widerstandes und als massiven Hinweis auf die Risse, die Widersprüche in ihrem Leben. Diese Formen des Widerstandes in eine Offensive umzusetzen, statt „so nicht!“ lernen zu sagen „Ich will DAS!“ ist für uns damals individuelles und kollektives Ziel für Frauen.

Am 8. März 1981 ist es soweit: Wir eröffnen in Köln-Ehrenfeld in der Hansemannstraße die erste Frauenberatungsstelle in NRW.

Die praktische Arbeit wird ehrenamtlich von ca. 15 Mitarbeiterinnen getragen, die in der Regel neben einer vollen Berufstätigkeit die regelmäßigen Öffnungszeiten abdecken bzw. verantwortlich für Gruppenarbeit sind. Die Gruppe der Mitarbeiterinnen ist sehr interdisziplinär hinsichtlich der Berufe und sehr heterogen hinsichtlich der Lebenssituation der Einzelnen, was sich für die inhaltliche Arbeit positiv auswirkt.

Wir arbeiten hauptberuflich als Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen, Psychologinnen, Ärztinnen, Soziologinnen, Lehrerinnen. Einige sind Hausfrau und Mütter, die kleine Kinder aufziehen. Unsere aktuellen Lebensumstände sind sehr verschieden. Als Mitarbeiterinnen bringen wir im Kontakt mit Frauen, die zu uns kommen sowohl unsere persönlichen Erfahrungen als Frau ein als auch unsere je unterschiedliche berufliche Kompetenz.


Viele von uns verfügen bzw. befinden sich in psychotherapeutischen Zusatzausbildungen wie Gesprächspsychotherapie, Gestalttherapie, Verhaltenstherapie, Psychodrama. Alle Mitarbeiterinnen, die Beratungsarbeit oder therapeutische Arbeit machen, sind zu regelmäßiger Supervision verpflichtet, sowohl kollegial als auch mit einer externen Supervisorin.

Ein Team von vier Frauen übernimmt zusätzlich Aufgaben wie Organisation und Verwaltung, Koordination von Aktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit, Außenvertretung. Wichtigstes Arbeitsorgan für alle ist das Plenum, wo alle anstehenden Fragen und Entscheidungen bzgl. der Beratungsstelle von allen gemeinsam besprochen werden. Diese Struktur, die zwar allen Mitarbeiterinnen viel Transparenz und gleichberechtigte Mitwirkung an der Entwicklung der Beratungsstelle ermöglicht, stellt sich in der Praxis gleichzeitig als sehr hohe Anforderung an jede dar, wird doch von ihr verlangt, dass sie sich neben der konkreten Beratungsarbeit auch für die Supervision wie auch das Plenum verpflichtet - all dies sind jede Woche viele Stunden Arbeit in ihrer persönlichen Freizeit.

Nach einem 3⁄4 Jahr praktischer Arbeit sehen wir, dass bei wachsender Nachfrage und erweiterten Angeboten in der Beratungsstelle diesem Arbeitsmodell Grenzen gesetzt sind und die Einrichtung längerfristig nicht ohne hauptamtliche Mitarbeiterinnen ihren Auftrag erfüllen kann. Bisher steht dafür jedoch kein Geld zur Verfügung.

Die Finanzierung stellt ein großes Problem dar. Anmietung und Einrichtung der bescheidenen Räume ist nur aufgrund von Spenden von Vereinsmitgliedern möglich. Zwei befristete Zuschüsse vom Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen und dem Netzwerk Köln helfen anfangs, die laufenden Sachkosten zu decken. Es beginnt der mühsame Weg Gelder für den Unterhalt der Beratungsstelle zu erschließen. Aber öffentliches Geld und die politische Entscheidung über seine Verwendung liegt primär in den Händen von Männern. Für eine spezifische Frauenarbeit wird keine Notwendigkeit gesehen. In Argumentations- und Diskussionsprozessen sind wir mit Einstellungen und Vorurteilen konfrontiert, die zutiefst Ausdruck für die Kluft zwischen den Geschlechtern sind. Auseinandersetzen müssen wir uns aber auch mit Ablehnungsgründen wie zum Beispiel, dass die Förderung eines Frauenprojektes dem Gleichheitsprinzip des Grundgesetzes widerspreche.

Relativ rasch gelingt es uns, noch Ende 1981 beim Regierungspräsidenten die Anerkennung für das Bildungswerk für Frauen und den Verein zur Weiterbildung für Frauen zu erreichen. Dadurch stehen uns, aber auch anderen Frauenprojekten, Mittel für Bildungsarbeit zur Verfügung. Unter dem Aspekt der Organisationsentwicklung werden dadurch auch Weichen für eine Differenzierung gelegt. Das Bildungswerk und der Verein zur Weiterbildung, lange mit uns unter einem Dach, nehmen in den kommenden Jahren ein ganz eigene Entwicklung im Schwerpunkt Bildung und Fortbildung.

Später wird hier vor allem daran gearbeitet, das Thema sexueller Missbrauch öffentlich zu machen, dazu Fortbildung für Mitarbeiterinnen im psycho-sozialen Feld zu organisieren und Präventionskonzepte zu entwickeln. Die Idee eines Mädchenhauses für Köln wird hier entwickelt und erste Beratungsangebote für von Missbrauch betroffene Mädchen realisiert. 1992 trennen sich die Wege; der Verein zur Weiterbildung und die Mädchenhausinitiative mieten jeweils eigene Räume an und arbeiten konzentriert an ihren unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten. Soweit dieser kleine Exkurs zu Projekten, die ihre Wurzeln auch bei Frauen lernen leben hatten.

Für die Beratungsstelle gelang es dann zunächst mit Hilfe von ABMS’s hauptamtliche Stellen und damit deutlich mehr Kontinuität einzurichten. Mitte der achtziger Jahre war es ein politischer Erfolg, im Zusammenschluss mit anderen inzwischen gegründeten Frauenberatungsstellen, beim Land NRW die Förderung von Personalstellen für Frauenberatungsstellen durchzusetzen. Seit 1986 sind wir nach den Richtlinien der Ehe- und Lebensberatungsstellen als Sonderberatungsstellen für Frauen anerkannt. In Köln werden wir seither mit 3 halben Stellen für Fachkräfte gefördert. In ganz NRW sind es bis heute 53 Frauenberatungsstellen, die aus dem Landeshaushalt gefördert werden. Gegenüber den Anfängen zeigt sich hier, dass wir viel erreicht haben im öffentlichen Bewusstsein für frauenspezifische Problemlagen und eine spezifische Beratungsarbeit für Frauen heute als notwendige gesellschaftliche Aufgabe betrachtet wird.

Kommunalpolitisch war es manchmal ein mühsamer Weg, die Anerkennung und Förderung der Beratungsstelle voranzutreiben, aber inzwischen sehen wir auch hier eine Akzeptanz und Kontinuität in der Bezuschussung , die entscheidend die Rahmenbedingungen mit sichern hilft.

Die Inhalte der Arbeit sind im Laufe der 20 Jahre in vielen Bereichen ähnlich wie am Anfang. Dennoch gibt es Differenzierungen und Präzisierungen im Arbeitsauftrag. Zwei Problembereiche will ich herausgreifen:

Das Thema sexueller Missbrauch/Traumatisierung durch sexuelle Gewalterfahrung und das Thema Ess-Störungen, weil wir anfangs zwar ahnen, dass dies spezifische Probleme von Frauen sind, uns das ganze Ausmaß und das damit verbundene Leid von Frauen damals jedoch nicht bewusst ist. Was die sexuelle Gewalt an Mädchen angeht, so müssen wir selbst einen Prozess der Enttabuisierung durchmachen und lernen eine Realität wahrzunehmen, die verleugnet wird, für die es keine Sprache und schon gar keine Beratungs- und Interventionsansätze gibt.

Es ist ein arbeitsintensiver Prozess hier und im Dialog mit anderen Frauenprojekten die komplexe Problematik zu erkennen, geeignete Beratungs- und Therapieansätze zu entwickeln, die die Betroffenen angemessen bei Ihrer Bewältigung unterstützen, aber auch Öffentlichkeit für das Problem herzustellen, Fortbildungen anzubieten, präventive Arbeit auf den Weg zu bringen.

Später gilt es dann ein weiteres Tabu aufzubrechen „Sexueller Missbrauch in Beratung und Therapie”; ein Problem, das deutlich werden läßt, dass an Standards professioneller Ethik höhere Anforderungen gestellt werden müssen und geeignete Instrumente zur Einhaltung ethischer Kriterien entwickelt werden müssen, damit Frauen hier nicht auch zu Opfern werden. So organisieren wir 1993 mit anderen in Köln die erste bundesweite Fachtagung zu diesem Thema.

Der Problembereich Ess-Störungen wird uns früh in der Beratungsarbeit deutlich. Dass es sich um ein Massenphänomen handelt, bringen wir 1985 in die Anhörung zur „Lage der Frauen in Köln” in den Rat der Stadt ein. Die Reaktion: „so dramatisch wird es schon nicht sein, wenn einige verwöhnte Oberschichtstöchter meinen, sie müssten hungern.”

Die Realität der Beratung zeigt ein anderes Bild. 1991 realisieren wir deshalb eine große Fachtagung zum Thema Ess-Störungen, an der über 300 Frauen aus allen Bereichen der psycho-sozialen Arbeit teilnehmen.

Heute wissen wir, dass die Ess-Störungen gerade bei der Generation der jungen Frauen ein erschreckend häufiges Krankheitsbild darstellt, das eine multifaktorielle Genese hat, aber vor allem auch eine Auseinandersetzung mit Widersprüchen der weiblichen Lebenssituation und der Identität als Frau darstellt. Diese Widersprüche sind heute inhaltlich vielleicht etwas anders als vor zwanzig Jahren. Es geht nicht mehr nur um die Abgrenzung und Befreiung von einer engen traditionellen Rollendefination als Frau. Heute stehen Frauen scheinbar alle Wege offen und sind Erwartungen an Weiblichkeit komplex, dennoch haben wir strukturell noch keine Situation der Gleichheit von Männern und Frauen.

Deshalb ist eine Einrichtung wie die Frauenberatungsstelle damals wie heute notwendig. Was als Selbsthilfeprojekt begonnen wurde, hat in 20 Jahren die Gestalt einer professionellen Beratungsstelle angenommen. Die Arbeit wird primär von einem hauptamtlichen Team getragen, wenn gleich immer noch eine gehörige Portion unbezahlter Arbeit durch Frauen im Trägerverein einfließt. Und - ohne hier jammern zu wollen - wir nach wie vor die Arbeit mit zu knappen Ressourcen bewältigen müssen.

Die Problemlagen, mit denen Frauen zu uns kommen, haben sich zum Teil verdichtet, sind komplizierter in ihren Verflechtungen von psychischen und sozialen Konflikten, erfordern spezialisiertere und qualifiziertere Kompetenz.

32 % der Frauen kommen mit Ess-Störungen, 27% mit Erfahrungen sexualisierter Gewalt (Mißbrauch, Vergewaltigung), 12% affektiven Störugen wie Ängste, Depressionen, psychosomatische Beschwerden,
13 % mit partnerschaftlichen Problemen (Trennung, gewalttätige Konflikte), 5 % befinden sich in akuten, gravierenden Krisen.
Diese Zahlen hier, um einen kleinen Einblick in die Problemlagen zu geben.

Was geblieben ist, sind die Beratungsgrundsätze des Anfangs:
eine klare Parteilichkeit für Frauen, die den gesellschaftlichen Kontext frauenspezifischer Probleme sieht.
eine Wertschätzung für die unterschiedliche Möglichkeit als Frau zu leben.
das Prinzip der Freiwilligkeit und Vertraulichkeit.

Bis heute ist es uns wichtig in der Beratungsstelle einen Ort anzubieten, der offen für alle Frauen ist, der leichte, unbürokratische Zugangsmöglichkeiten hat. Wo wir Frauen mit Freundlichkeit und Achtung entgegentreten, Schutz und Sicherheit bieten. Professionelle Arbeit und fachliche Qualität sind ein selbstverständlicher Anspruch, in dem wir uns fortwährend bemühen.

Stolz sind wir darauf, dass in all den Jahren die Fraeuenberatungsstelle wirklich ein Ort für alle Frauen ist. So kommen Frauen aus allen sozialen Schichten, Altersgruppen, Konfessionen, kulturellen Hintergründen und aus verschiedensten Lebensformen und finden ein Klima vor, in dem offenbar auch wirklich alle Fragen thematisiert werden dürfen.

<- zurück